Dienstag, 23. Dezember 2014

{Auf der Suche nach...

...einem besonderen Geschenk!!!
 
Ich bin diese Tage über eine alte Geschichte gestolpert,
die ich in meiner Kindheit gehört und nie mehr vergessen hatte.
 
Eine Geschichte die mich zu tiefst bewegt.
Ihr ganzes Vermögen war ein Dollar und 87 Cents,
davon 60 Cents in Pennystücken. Alles mühsam zusammengekratzt
und gespart. Und morgen war Weihnachten.
Nichts blieb übrig, als sich auf die kleine, schäbige Couch zu werfen
und zu heulen. Das tat Della denn auch, und es beweist uns,
daß sich das Leben eigentlich aus Schluchzen,
Seufzen und Lächeln zusammensetzt,
wobei das Seufzen unbedingt vorherrscht.
Inzwischen betrachten wir das Heim etwas näher.
Es ist eine kleine möblierte Wohnung zu acht Dollars in der Woche.
Sie sieht nicht gerade armselig aus,
ist davon aber auch nicht allzu weit entfernt.
Unten im Hausflur hängt ein Briefkasten,
in den niemals Briefe geworfen werden;
daneben steckt der Knopf einer elektrischen Klingel,
der kaum jemand je einen Ton abschmeichelt.
Weiter befindet sich dort auch eine Karte,
die hochtrabend den Namen „James Dillingham Young“ trägt.
Wenn aber Mister Dillingham Young jeweils seine Etage erreichte,
so wurde er einfach „Jim“ gerufen und von Frau James Dillingham Young,
uns bereits als Della bekannt, zärtlich umarmt.
Somit ist alles in bester Ordnung.

Della hörte zu weinen auf und tröstete ihre Wangen mit der Puderquaste.
Sie stand am Fenster und schaute bedrückt einer grauen Katze zu,
die im grauen Hinterhof über einen grauen Zaun balancierte.
Morgen war Weihnachten und sie hatte nur wenig Geld,
um Jim ein Geschenk zu kaufen.

Im Zimmer hing zwischen den Fenstern ein Spiegel.
Wie hingewirbelt stand Della plötzlich mit hell leuchtenden Augen vor ihm. Rasch löste sie ihr Haar und ließ es in seiner ganzen Länge fallen.
Im Besitze der James Dillingsham Young’s gab es zwei Dinge, auf die sie ganz und gar stolz waren. Das eine war Jims goldene Uhr, die vor ihm seinem Vater und seinem Großvater gehört hatte.
Das andere war Dellas Haar. Hätte in der Wohnung jenseits des Hofes die Königin von Saba gewohnt, Della hätte ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, einzig und allein, um die Juwelen und Schmuckstücke Ihrer Majestät wertlos erscheinen zu lassen.
Und wäre König Salomon mit all seinen aufgestapelten Schätzen selbst Pförtner des Hauses gewesen, Jim hätte jedesmal beim Vorbeigehen seine Uhr gezückt, um zu sehen, wie König Salomon sich vor Neid den Bart ausrupfte.

So fiel Dellas Haar wie ein goldener Wasserfall glänzend und sich kräuselnd an ihr herab. Es reichte ihr bis unter die Knie und bildete beinahe einen Mantel. Mit nervösen Fingern steckte sie es rasch wieder auf. Einmal zögerte sie einen Augenblick. Zwei Tränen fielen auf den abgetragenen roten Teppich.
Sie schlüpfte in die alte braune Jacke, setzte den alten braunen Hut auf und huschte, immer noch das glänzende Leuchten in den Augen, zur Tür hinaus,
die Treppen hinunter und durch die Straße.
Sie stand erst still, als sie bei einem Schild anlangte, auf dem zu lesen war: „Madame Sofronie, An- und Verkauf von Haar aller Art“.
In einem Satz rannte Della ein Stockwerk hinauf;
keuchend hielt sie an und faßte sich.
Madame, groß, massig, zu weiß gepudert,
sehr kühl, stand ihr gegenüber.
„Kaufen Sie mein Haar?“ fragte Della.
„Ich kaufe Haar“, sagte Madame.
„Nehmen Sie den Hut ab und zeigen Sie, was Sie haben.“
Herunter rieselte der braune Wasserfall.
„Zwanzig Dollars“, mit geübter Hand wog Madame die Masse.
„Geben Sie es, rasch“, sagte Della.

Oh, und die zwei folgenden Stunden vergingen
wie auf rosigen Schwingen.
Vergessen war die zermürbende Vorstellung der fehlenden Haare.
Sie durchstöberte die Läden auf der Suche nach Jims Geschenk.
Endlich fand sie es. Sicher war es für Jim
und niemand anders gemacht.
Nichts kam ihm gleich in irgendeinem der Läden.
Es war eine Platinuhrkette, einfach und geschmackvoll in Form und Zeichnung. Sie war es sogar wert, diese Uhr zu ketten.
Sobald Della die Kette sah, wußte sie, daß sie Jim gehören mußte. Einundzwanzig Dollars nahmen sie ihr dafür ab,
und mit den 87 Cents eilte sie heim.
Mit dieser Kette an seiner Uhr durfte Jim in jeder Gesellschaft
zu eifrig wie er wollte nach der Zeit sehen.
So schön nämlich die Uhr war – er hatte bisher manchmal scheu darauf geschaut, weil das alte Lederband so schäbig war,
das er an Stelle einer Kette benützte.

Als Della zu Hause ankam, ließ ihr Taumel nach
und sie wurde etwas vernünftig.
Sie holte ihre Brennschere heraus,
zündete das Gas an und machte sich daran,
die Verheerung, die ihr Großmut zusammen mit ihrer Liebe
angerichtet hatte, wieder gutzumachen,
was immer eine Riesenarbeit ist,
liebe Freunde – eine Mammutaufgabe.

Nach vierzig Minuten war ihr Kopf mit kleinen,
nahe beisammenliegenden Löckchen bedeckt, die ihr ganz das Aussehen eines Lausbuben gaben.
Lange schaute sie ihr Bild an, das der Spiegel zurückwarf,
kritisch und sorgfältig.
„Wenn Jim mich nicht tötet“, sagte sie zu sich selbst,
„bevor er mich ein zweites Mal anschaut, so wird er sagen,
ich sehe aus wie ein Chormädchen von Coney Island.
Aber was konnte ich tun – oh, was konnte ich tun
mit einem Dollar und 87 Cents?“

Um sieben Uhr war der Kaffee gemacht,
und die heiße Bratpfanne stand hinten auf dem Ofen bereit,
die Kotelettes aufzunehmen, die darin gebraten werden sollten.

Jim kam nie spät. Della nahm die Kette in die Hand
und setzte sich auf den Tisch bei der Türe,
durch die er immer hereinkam.
Dann hörte sie entfernt seinen Schritt im ersten Stockwerk
und für einen Augenblick wurde sie ganz weiß.
Sie hatte die Gewohnheit, im stillen kleine Gebete für die einfachsten Alltagsdinge zu sagen und sie flüsterte vor sich hin:
„Lieber Gott, mach, daß er denkt, ich sei immer noch hübsch.“

Die Tür öffnete sich. Jim kam herein und schloß sie.
Er war mager und hatte ein sehr ernstes Aussehen.
Armer Kerl, erst einundzwanzig und schon mit einer Familie beladen!
Er hätte dringend einen neuen Mantel gebraucht
und besaß nicht einmal Handschuhe.

Jim stand bei der Türe still, so unbeweglich wie ein Jagdhund,
der eine Fährte wittert. Seine Augen waren auf Della gerichtet
und hatten einen Ausdruck, den sie nicht deuten konnte
und der sie erschreckte. Es war nicht Ärger.

Della sprang vom Tisch herunter
und lief auf ihn zu. „Jim, Lieber“, rief sie weinend,
„schau mich nicht so an“.
Ich ließ mein Haar abschneiden und verkaufte es,
weil ich es nicht ausgehalten hätte, ohne dir ein Geschenk zu Weihnachten
zu geben. Es wird wieder nachwachsen. Du bist nicht böse, nicht wahr?
Ich mußte es einfach tun.
Mein Haar wächst unheimlich schnell.
Sag ‚Fröhliche Weihnachten‘! Jim, und laß uns glücklich sein.
Du weißt ja gar nicht,
welch schönes – wunderbar schönes Geschenk ich für dich habe.“

„Dein Haar hast du abgeschnitten?“ fragte Jim mühsam,
als hätte er selbst mit der strengsten geistigen Arbeit
diese offensichtliche Tatsache noch nicht erfaßt.

„Abgeschnitten und verkauft“, sagte Della.
„Verkauft ist es, sag ich dir, verkauft und fort.
Heute ist doch Heiliger Abend, du. Sei lieb, es ist doch für dich.
Sei lieb, ich gab es ja für dich weg. – Es kann sein, daß die Haare auf meinem Kopf gezählt waren“, fuhr sie mit plötzlicher, ernsthafter Verliebtheit weiter, „aber niemand könnte je meine Liebe zu dir zählen oder messen.
Soll ich jetzt die Kotelettes auflegen, Jim?“

Nun schien Jim rasch aus seinem Traumzustand zu erwachen.
Er nahm Della in seine Arme ... Für zehn Sekunden wollen wir diskret irgendeinen belanglosen Gegenstand in entgegengesetzter Richtung eingehend betrachten. Acht Dollars die Woche oder eine Million im Jahr – was ist der Unterschied?
Ein Witzbold und ein Mathematiker würden uns beide
eine falsche Antwort geben.

Indessen zog Jim ein Päckchen aus seiner Manteltasche
und warf es auf den Tisch.
„Du mußt dir nichts Falschen vorstellen über mich, Della“, sagte er.
„Ich glaube, da gäbe es kein Haarschneiden, Dauerwellen oder Waschen
in der Welt, das mich dazu brächte, mein Frauchen weniger zu lieben.
Aber wenn du das Paket da auspackst, wirst du sehen,
warum ich mich zuerst eine Weile nicht erholen konnte.“

Weiße Finger zogen an der Schnur, rissen am Papier. Ein begeisterter Freudenschrei.
Und dann – oh weh – ein rascher Wechsel zu strömenden Tränen
und lauten Klagen – er verlangte die Anwendung sämtlicher tröstender Kräfte und Einfälle vom Herrn des Hauses.
Denn da lagen sie, die Kämme – die Garnitur von Kämmen, seitlich und rückwärts einzustecken, die Della so lange im Schaufenster einer Hauptstraße bewundert hatte.
Fabelhafte Kämme, echtes Schildpatt,
mit echten Steinen besetzt – gerade in den Farbtönen, die in dem wundervollen, verschwundenen Haar so schön gespielt hätten.
Es waren teure Kämme.
Sie wußte es. Mit ganzem Herzen hatte sie diese Wunder begehrt.
Und jetzt gehörten sie ihr, aber die Zöpfe, die mit diesen begehrenswerten Schmuckstücken hätten geziert werden sollen,
waren fort. Trotzdem drückte sie sie an ihr Herz
und endlich konnte sie auch mit verschleierten Augen aufsehen
und lächelnd sagen: „Mein Haar wächst ja so schnell, Jim!“
Und dann sprang Della auf wie eine kleine Katze,
die sich gebrannt hatte, indem sie immerzu „Oh, oh!“, rief.
Jim hatte ja sein wunderschönes Geschenk noch nicht gesehen.
Sie hielt es ihm auf der offenen Hand eifrig entgegen. Das wertvolle, matt glänzende Metall schien ihre heitere und feurige Seele widerzuspiegeln.

„Ist es nicht großartig – das einzig Wahre?
Ich habe darnach gejagt, bis ich es fand.
Du wirst jetzt jeden Tag hundertmal sehen müssen, wieviel Uhr es ist.
Gib mir deine Uhr, ich muß sehen, wie die Kette daran aussieht.“

Anstatt zu gehorchen, ließ sich Jim auf der Couch nieder,
legte die Hände hinter den Kopf – und lächelte.
 
„Della“, sagte er leise,
„wir wollen unsere Weihnachtsgeschenke noch für einige Zeit aufbewahren,
sie sind zu schön, als daß wir sie jetzt gebrauchen könnten.
Denke, ich habe die Uhr verkauft,
um das Geld für deine Kämme zu erhalten. – Und jetzt, glaub‘ ich,
ist es das beste, du stellst die Kotelettes auf.“


Einen wundervollen Tag wünsch ich euch allen.

Herzlichst
Melanie






 
 




1 Kommentar:

  1. eine Geschichte die man vielen Menschen erzählen sollte....
    Ich wünsche dir und deinen Liebsten ein schönes Weihnachtsfest!!
    Alles Liebe, Nicole

    AntwortenLöschen

Vielen ♥ Dank für deine lieben Worte...

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