Sonntag, 21. Dezember 2014

{4. Advent}


Schon als kleiner Junge
hatte ich meine Eltern verloren und kam in ein Waisenhaus
in der nähe von London. Es war mehr als ein Gefängnis.
Wir mussten 14 Stunden täglich arbeiten- im Garten,
in der Küche, im Stall, auf dem Felde.
Kein Tag brachte eine Abwechslung, und im ganzen Jahr
gab es für uns nur einen einzigen Ruhetag.
Das war der Weihnachtstag.
Dann bekam jeder Junge eine Apfelsine zum Christfest.
Das war alles, keine Süßigkeiten, kein Spielzeug.
Aber auch diese eine Apfelsine bekam nur derjenige ,
der sich im Laufe des Jahres nichts hatte zu schulden kommen lassen
und immer folgsam war. Die Apfelsine an Weihnachten
verkörperte die Sehnsucht eines ganzen Jahres.
So war wieder einmal das Christfest herangekommen.

Aber es bedeutete für mein Knabenherz fast das Ende der Welt.
Während die anderen Jungen am Waisenvater vorbeischritten
und jeder seine Apfelsine in Empfang nahm,
musste ich in einer Zimmerecke stehen und zusehen.
Das war meine Strafe dafür, dass ich eines Tages im Sommer
hatte aus dem Waisenhaus weglaufen wollen.
Als die Geschenkverteilung vorüber war,
durften die anderen Knaben im Hofe spielen.
Ich aber musste in den Schlafraum gehen
und dort den ganzen Tag über im Bett liegen bleiben.
Ich war tieftraurig und beschämt. Ich weinte und wollte nicht länger leben.
Nach einer Weile hörte ich Schritte im Zimmer und eine Hand zog die Bettdecke weg,

unter der ich mich verkochen hatte.
Ich blickte auf. Ein kleiner Junge namens William stand vor meinem Bett,
hatte eine Apfelsine in der rechten Hand und hielt sie mir entgegen.
Ich wusste nicht, wie mir geschah.
Wo sollte eine überzählige Apfelsine hergekommen sein?
Ich sah abwechselnd auf William und auf die Frucht und fühlte dumpf in mir,
dass es mit der Apfelsine eine besondere Bewandtnis haben müsse.
Auf einmal kam mir zu Bewusstsein, dass die Apfelsine bereits geschält war,
und als ich näher hinblickte, wurde mir alles klar, und Tränen kamen in meine Augen,
und als ich die Hand ausstreckte, um die Frucht entgegenzunehmen,
da wusste ich, dass ich fest zupacken musste,
damit sie nicht auseinander fiel.

Was war geschehen?
Zehn Knaben hatten sich im Hof zusammengetan und beschlossen,
dass auch ich zu Weihnachten meine Apfelsine haben müsse.
So hatte jeder die seine geschält und eine Scheibe abgetrennt,
und die zehn abgetrennten Scheiben hatten sie sorgfältig zu einer neuen,
schönen runden Apfelsine zusammengesetzt.
Diese Apfelsine war das schönste Weihnachtsgeschenk
in meinen Leben.
 
Sie lehrte mich, wie trostvoll echte Kameradschaft sein kann.

 
In diesem Sinne wünsche ich euch noch einen schönen 4. Advent.
 
Herzlichst
Melanie
 
 
 
 
 
 
 

 
 

Kommentare:

  1. Schluchz...wie schön!!! Wünsche Dir und Deinen Lieben einen wundervollen 4. Advent!

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    1. Liebe Frau Schritt, das wünsche ich dir auch von Herzen!!!

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  2. Wie wundervoll! Das geht ans Herz.
    Ich denke, Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben, werden stets so handeln.
    Einen wundervollen Abend wünscht dir Heike

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    1. Liebe Heike
      Es ging mir ebenso. Wünsche dir wundervolle Festtage.

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  3. Wie traurig und wie schön zugleich! Auch ich hab ein Trachten im Knopfloch...
    Eine schöne Weihnachtszeit wünsch ich dir und einen Lieben!
    Herzliche Grüße von
    Nicole

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  4. Ich bin's nochmal - natürlich sollte es Tränchen und nicht Trachten heißen. Sorry.
    Lg Nicole

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  5. Oh... was für eine schöne Geschichte! Schnüff, zwinker.... immer diese Tränendrüsen, ts...
    Herzliche Weihnachtsgrüße
    Dani

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  6. Das ist Weihnachten, nicht??
    Danke
    Herzlichst
    yase

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  7. Oh wie schön liebe Melanie. Bist Du auch so ein Dickens Fan wie ich?
    Ich wünsche Dir ein schönes und gesegnetes Weihnachtsfest zusammen mit Deinen Lieben!
    Herzlichst, Signora Pinella

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Vielen ♥ Dank für deine lieben Worte...

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